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Tierversuche

Hunderte Millionen Tiere werden jedes Jahr als Ressourcen oder Versuchsobjekte in Experimenten an Universitäten und in Laboren auf der ganzen Welt verwendet. Ratten und Mäuse, Hamster, Kaninchen, Hunde, Katzen, Schweine, Kühe, Schafe, Reptilien, Fische, Primaten, eine Vielzahl an Vogelarten und viele andere leiden unter unseren Experimenten für Biologie, Biochemie, Physiologie und Psychologie. Wir impfen ihnen Viren, verändern ihre DNA, schwängern sie und töten dann die schwangeren Mütter, sodass wir ihre Föten untersuchen können, wir lassen sie Hunger oder Elektroschocks erleiden, um ihre Widerstandsfähigkeit zu testen, verbrennen sie lebendig, wenden Reizstoffe an ihren Augen und ihrer Haut an, wir blockieren ihre Drüsen, zwingen sie, giftige Substanzen einzuatmen, rufen Lähmungen hervor, setzen sie Strahlungen und extremen Temperaturen aus und vieles mehr.

Von all diesen Experimenten stehen vor allem die Unnötigsten, zum Beispiel Versuche für Kosmetika, in der Kritik. Zwar sind seit März 2013 der Import und Verkauf von an Tieren getesteten Kosmetika in der EU verboten, ein Schlupfloch für die Industrie bleibt dennoch. Dieses Verbot gilt nämlich nur für Stoffe, die ausschließlich in Kosmetika enthalten sind. Kommen sie jedoch auch in anderen Produkten vor, ist es erlaubt, sie an Tieren zu testen. Von Lippenpflege über Wimperntusche bis Deodorant – durchweg werden immer noch Inhaltsstoffe an Tieren getestet, bevor sie auf den Markt kommen. Namenhafte Unternehmen wie Procter & Gamble (Max Factor, Wella, Gilette uvm.), L'Oréal (Maybelline, Vichy, Biotherm uvm.) oder die Eigenmarken des Drogeriemarkts dm (Alverde, Balea etc.) testen Inhaltsstoffe ihrer Kosmetik nach wie von an Tieren, um nur ein paar wenige Firmen zu nennen.

Auch für Lebensmittel müssen Tiere leiden. In der Süßwarenindustrie stehen hier auf der roten Liste unter anderem Mars, Snickers, Twix, sowie alle anderen Produkte der Mars Inc.

Immer häufiger jedoch werden auch die Notwendigkeit und Unersetzlichkeit von medizinischen Tierversuchen in Frage gestellt. Nicht zuletzt die Arzneimittelskandale wie beispielsweise das des Rheumamittels „Vioxx“, beweisen, dass Tiere eben doch keine verlässlichen Ergebnisse über mögliche Risiken von Medikamenten liefern können. Dieses Medikament, welches in ausgiebigen Tierversuchen für sicher befunden wurde, musste vom Markt genommen werden. Es stellte sich heraus, dass dessen Einnahme das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko verdoppelt.

 

Forschungsmethoden ohne Tierversuche

Tierversuchsfreie Untersuchungen liefern für uns Menschen verlässlichere Ergebnisse als solche, die an Tieren durchgeführt wurden. Zudem sind sie meist sogar kostengünstiger. Die Mehrheit amerikanischer Universitäten - darunter Harvard, Stanford und Yale - haben Untersuchungen an lebenden Tieren in Physiologie, Pharmakologie und der chirurgischen Ausbildung mit tierversuchsfreien Methoden ersetzt. Aktuelle Untersuchungsmethoden umfassen die direkte Beobachtung von Operationen an Menschen, Patientensimulationen, die Verwendung menschlicher Leichen, die der medizinischen Forschung zur Verfügung gestellt wurden, anspruchsvolle Computer-Programme, Lernmodelle für Spezialisten, Lab-on-a-chip Systeme und vieles mehr. Im Gegensatz zu den langwierigen, kostenaufwändigen und schlecht übertragbaren Testergebnissen von Tierversuchen, ermöglichen die sogenannten „Lab-on-a-chip“ (Labor auf einem Chip) Systeme eine zuverlässige, preisgünstige, schnelle und vor allem tierleidfreie Forschung.

Vergleichende Populationsstudien ermöglichen die Entdeckung gängiger Muster bei Erkrankungen, welche ihre Prävention ermöglichen. Epidemiologische Studien haben zu der Entdeckung des Zusammenhanges zwischen Rauchen und Krebs und der Identifizierung von Risikofaktoren geführt. Populationsstudien haben die Übertragung von HIV und anderen Infektionskrankheiten offenbart und haben uns gezeigt, wie sie vermieden werden können. Studien mit menschlichen freiwilligen Probanden (in vielen Fällen bereits von einer bestimmten Krankheit betroffen und daher auf der Suche nach einer Heilung für alle) ermöglichten WissenschaftlerInnen, die Hirnanomalien von Patienten mit Schizophrenie und anderen psychischen Erkrankungen festzustellen. In-vitro Studien der Zellkultivierung werden auf der Suche nach Substanzen und bei der Erzeugung und Erprobung einer Vielzahl von Pharmazeutika, wie Impfstoffen, Antibiotika und therapeutischen Proteinen verwendet. 

 

Das Tierversuchsparadoxon

Die Ungerechtigkeit von Tierversuchen wird verdeutlicht, wenn Forscher, die Tierversuche durchführen erklären, dass die in ihren Experimenten verwendeten, nichtmenschlichen Tiere uns so ähnlich sind, dass die Ergebnisse auf den Menschen angewendet werden können. Doch wenn sie uns so ähnlich sind, verdienen sie auch die gleiche Beachtung und Berücksichtigung ihrer Interessen wie wir. Je mehr sie ein Modell für uns abgeben, dadurch dass sie wie wir sind, desto offensichtlicher wird es, dass sie entsprechenden Schutz verdienen.

Alle Formen von Tierversuchen basieren auf einer ungerechten, ungleichen Wertvorstellung: Tiere werden willkürlich dem Menschen untergeordnet und ihren Interessen und Bedürfnissen wird keinerlei Wert zugeordnet. Sicher ist, dass die Mehrheit der Gesellschaft gegen Experimente an Menschen gegen deren Willen wäre, selbst wenn diese zu großen Fortschritten bei der Suche nach Impfstoffen und Behandlungen führen würden. Die gleichen Kriterien sollten auch für andere Tiere gelten, da sie, genau wie wir, empfindungsfähig sind und die Gefühle und Empfindungen, die sie spüren, ihnen ebenso viel bedeuten, wie unsere für uns. Wie wir wollen sie nicht sterben und möchten ein freies Leben genießen. 

Dass diese Tiere gegen ihren Willen für Experimente zur Gewinnung von Impfstoffen oder Heilmitteln für Menschen verwendet werden, ist ebenso willkürlich, wie es die Verwendung einer bestimmten Gruppe von Menschen (z. B. weiße Menschen) wäre, um Heilmittel für eine andere Gruppe zu finden. Die Farbe unserer Haut oder unserer Augen, unser Geschlecht, unsere Intelligenz, die Spezies, der wir angehören, sind alles irrelevante Eigenschaften, wenn wir das Interesse Anderer, Leid zu vermeiden, berücksichtigen. Alles, was hierbei relevant ist, ist der Besitz solcher Interessen.

 

Die Frage der wissenschaftlichen Gültigkeit von Tierversuchen

Oft stellen TierrechtlerInnen, die sich gegen Vivisektion (Tierversuche an lebenden Tieren) aussprechen, die wissenschaftliche Wirksamkeit von Tierversuchen infrage. Sie stützen dabei ihre Argumentation auf die genetischen Unterschiede, die zwischen Angehörigen verschiedener Spezies bestehen. Denn bereits ein kleiner Unterschied auf genetischer Ebene wirkt sich negativ auf den Versuch aus, die Ergebnisse von Tests an einer anderen Spezies auf die Spezies Mensch zu beziehen. Allerdings ist das Problem nichtmenschliche Tiere solchen Experimenten auszusetzen nicht eine wissenschaftliche Frage, die sich um die Genauigkeit der Ergebnisse dreht, sondern eine ethische Frage, die nicht ignoriert werden darf.

Wir können die Durchführung schädlicher Experimente an Mäusen nicht rechtfertigen, wenn wir nicht bereit wären, exakt das Gleiche mit Menschen zu tun. Die bloße Tatsache, dass die Individuen (die Mäuse) nicht unserer eigenen Spezies angehören, legitimiert nicht, ihre Interessen unterzubewerten und sie als Ressourcen zu nutzen. Wenn sich die Kriterien, nach denen wir entscheiden, an wem wir experimentieren, tatsächlich darauf bezögen, wer uns den größten Nutzen und die zuverlässigsten Resultate liefert, würden wir das Experimentieren an anderen Menschen gegen ihren Willen rechtfertigen, und wir müssten zu dem Schluss kommen, dass wir die Pflicht hätten, dies für das Allgemeinwohl zu tun.

Schließlich hätten wir nicht die Probleme der Übertragung der Daten von einer Spezies zur anderen, da die Subjekte der Experimente der gleichen Spezies angehören würden wie diejenigen, die hoffen, von den Versuchen zu profitieren.

 Wir können nicht weiter mit zweierlei Maßstäben messen, was in Wirklichkeit die Unterdrückung durch uns zeigt.

 

Ohne Tierversuche hätten wir Medikamente wie XY nicht, die viele Menschenleben gerettet haben.

Zu sagen, ohne Tierversuche hätten wir nicht Medizin XY entdeckt, ist eine sehr gewagte Aussage, da wir nicht sicher sein können, dass ihre Entwicklung ohne nichtmenschliche Tiere unmöglich gewesen wäre. Tatsächlich ereignete sich eine Vielzahl von wichtigen medizinischen Fortschritten und Entdeckungen ohne die Nutzung anderer Tiere wie beispielsweise die Isolation der AIDS-Viren und der Zusammenhang zwischen erhöhten Cholesterinwerten und Herzerkrankungen. Falls die Ressourcen, die derzeit in Vivisektion gehen, in tierversuchsfreie Forschungsmethoden investiert würden, könnten wir sehr viel schneller und effektiver vorankommen. Außerdem zeigt die Geschichte der Medizin durch verschiedene Tierversuche verursachte Verzögerungen (falsche positive sowie falsche negative Resultate). In jedem Fall basiert die Verwendung nichtmenschlicher Tiere auf einer Ungerechtigkeit: Die Interessen der Menschen werden aus nur einem Grund für wichtiger erachtet, als die Interessen aller anderen Tiere, und zwar weil wir unsere Spezies für besser und wichtiger erachten als andere Spezies. Nichtmenschliche Tiere werden aus dem einfachen Grund für unsere Zwecke benutzt, gefoltert und getötet, weil sie nicht zu unserer Spezies gehören.

Trotz der Tatsache, dass in der Vergangenheit Versuche an Menschen durchgeführt wurden, ist sich die Mehrheit von uns mittlerweile sicherlich einig, dass wir nicht an anderen Menschen gegen ihren Willen experimentieren dürfen, zum Nutzen jener Menschen, die wir dadurch retten würden. Wenn wir uns wirklich dazu entscheiden würden, unseren Kriterien auf den Vorteil für den Rest der Menschheit zu stützen (Entwicklung von Medikamenten, Impfstoffen, Verständnis der Wirkungen von Toxinen etc.), müssten wir an anderen Menschen gegen ihren Willen testen, da sie bessere Ergebnisse und einen größeren Fortschritt in der medizinischen Wissenschaft erzeugen würden. Ist das wirklich das Kriterium, von dem wir glauben, es rechtfertigt Tierversuche?

 

Für Forschung und wissenschaftlichen Fortschritt – gegen Grausamkeit und Folter

Wir glauben an Forschung und wissenschaftlichen Fortschritt, aber nicht um jeden Preis. Das Streben nach Wissen ist kein Ziel, das es rechtfertigt, alle vorstellbaren Maßnahmen zu ergreifen. Wissenschaft muss sowohl frei von willkürlicher Diskriminierung als auch Gegenstand ethischer Überlegungen sein, die verhindern, dass jene ohne Macht durch diejenigen mit Macht unterdrückt werden. Tierversuche verzögern außerdem den wissenschaftlichen Fortschritt und halten uns zurück wenn es darum geht, menschliche Krankheiten zu verstehen. Sie sind nicht einfach nicht mehr zeitgemäß – wir wollen uns doch weiterentwickeln, und nicht auf der Stelle treten. In der Vergangenheit fanden Experimente und Forschungen an Menschen gegen ihren Willen statt, wobei offensichtlich die Interessen der Probanden nicht respektiert wurden. Die Experimente zu den Auswirkungen von Syphilis, durchgeführt an 399 Afro-AmerikanerInnen in Tuskegee (Alabama) zwischen 1932 und 1972, sowie die von Josef Mengele durchgeführten Experimente im Dritten Reich sind Beispiele solcher Experimente.